Monogamie: eine Illusion?

Das Verlangen nach körperlicher und emotionaler Befriedigung kann einen wahlweise in miserable Clubs, an unterdruchschnittliche Bartheken, in dreckige Betten, auf das Internetportal gayromeo.de oder in den rationalen Wahnsinn treiben. Auch kann es den, der es nicht zu zäumen vermag, aus der Beziehung katapultieren (in eine nächste hinein). Manch anderen wirft es in eine literarisch reizvolle Affäre. Alles eine Frage des Willens, der Angst und der Entscheidung. Ganz zu schweigen von der anerzogenen Sündengläubigkeit.

Der anspruchsvolle schwule Bürger vermag mit alle dem in der Regel seinen Umgang zu finden bzw. zwingt ihn das Leben, wie jeden anderen auch, für etwaige frustrierende Problemstellungen Lösungskompetenzen zu bilden. Das Mischverhältnis ist, wobei es bei einem bunten Strauß ankommt. Zu viel Zeit auf gayromeo.de oder des nachts auf Pornoseiten ist nicht gleichzusetzen mit dem allgemeinen menschlichen Dilemma sich nicht entscheiden zu können was gut für einen ist. Oder noch schwieriger, was zu einem passt oder was einem steht. Die Reise scheint endlos und die Entscheidungsfindungen sich aus einem Rattenschwanz an Lebensumständen und -situationen zusammensetzend. Jeder findet was er sucht. Aber jeder bekommt nur das was er braucht.

Der gut erzogene Jüngling von einst weiß mit zunehmender Reife sehr wohl das Überangebot an schwuler Lebenskultur in Schlechtes und Substanzielles zu unterscheiden. Doch hat der Herr im Himmel uns gleich mehrere unabhängig voneinander schaltende Entscheidungsinstanzen eingepflanzt: Kopf, Herz und den Bauch. Mitunter ein grandioses Symphonie-Orchester harmonischer Entscheidungsgewalt. Zu Kurzschlüssen neigend. Mitunter auch der Grund für alltäglichen Durchfall oder anders gesagt: schwuler scheisse. Wenn der Kopf sagt, etwas sei sexy, äußerst attraktiv und in seiner Vorstellung explizit das was er, der Kopf, ficken will, kann das Herz durch sein weises oder wahlweise skeptisches Schweigen jeden rationalen Impuls zu handeln im Nu zerreißen. Fühlt andererseits der Bauch sich emotional hingehörig zu einem Nächsten, so vermag der Kopf mit kluger Waffe des Bauches Bedürfnis zur Nächstenliebe zu erschießen. Nur gemeinsam sind sie stark, diese drei Musketiere.

Arsch lecken ist also nicht immer einfach. Auch nicht immer schnell herbeizuführen. Und wie sich ein wirkliches Arschloch von innen anfühlt, dazu bedarf es einer manchmal erst langen Erkenntnisreise, an deren Ende nicht immer das erhoffte Ziel aufwartet sondern mitunter nur das Gefühl die falsche Auswahl getroffen zu haben. Oder einfach große unrasierte Arschlöcher.

Schwulsein ist manchmal alles andere als einfach. Es gibt Situationen, in denen sich ein homosexueller Mann durchaus herbeiwünscht eine ganz gewöhnlich massenkompatible Hete zu sein um es lieber mit komplizierten Frauen auf sich zu nehmen als sich mit seinen warmen Brüdern in psychopathische Desaster zu schmeißen. Diese Desaster sind, was viele ihrem Verhalten nach zu lieben und leider auch zu suchen scheinen. Aber das ist niemals schon das Ende vom Lied.

Das schwule Leben ist, dass muss man bitte nicht falsch verstehen, ein außerordentlich wünschenswertes, wenn die oben erwähnte Lust Befriedigung findet und einem nicht auf den Versen kaut und die Zehen lutscht. Lust und Sexualität ist kein Phänomen der Homosexuellen. Es ist unser aller süßes Laster. Nur sind wir scheinbar nicht alle in jedem Moment die Lebenskünstler, die auf der Leinwand Leben oder im Bett oder an der Bar das bunte Bild zu zeichnen verstehen. Einige bringen gerade mal einen schwarzen Fleck auf die weiße Leinwand und wundern sich dann, dass sie keine Aufmerksamkeit erreichen oder schlimmer: niemanden an sich binden können. Andere flirten und buhlen um Aufmerksamkeit und verschwinden im Nichts, wird man dann erst einmal konkret und spricht vom Ficken. Noch andere finden die Befriedigung einzig im Gespräch. Und holen sich daraufhin lieber alleine einen runter (oder hoch).

Schwul sein bedeutet nicht automatisch viel ficken, viel dreckigen Sex. Oder: es bedeutet genauso viel ficken, menschliche Desaster oder viel dreckigen Sex wie Hetero sein. Schwul sein bedeutet aber vielleicht ein ehrlicheres Selbstbild vom Tier in sich zu besitzen. Und das heißt, dass man um das Schicksal der schwulen Beziehung von vornherein an und für sich weiß: Monogamie ist eine Illusion. Oder sie bringt einen um. Um den Verstand. Ausnahmen bestätigen bis hier die Regel. Schwul sein bedeutet hier etwas ehrlicher mit dem Partner umzugehen, sofern man ihn denn liebt.

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