Fremdgehen

Er wusste nichts davon. Er dachte es sei nichts. Alles in Ordnung. Wir, das dachte er, seien monogam. Waren wir nicht. Bin ich nicht. Aber ich werde es ihm auch nicht näher bringen, dachte ich. Er mag mich ja wie er mich kennt. Würde er mich aber besser kennen, er würde mich nicht mehr mögen, dachte ich. Es wäre ein Schock für ihn, mutmaßte ich. Und für mich wäre es ein Schock, die Beziehung am Ende zu verlieren. Ich könnte ihn nicht mit der Wahrheit konfrontieren. Die würde ihn verletzen, die Wahrheit. Dabei gibt es die sowieso nur im Kopf. Wahr ist die selten. Wir sind so verzerrt in unserer Wahrnehmung.

Er wusste nichts. Da ich nichts davon erzählte. Er dachte alles sei gut. Und ich habe ihm seine Naivität gelassen. Seine Wahrheit. Ich dachte irgendwann nichts sei mehr gut und machte mich auf den Weg es zu ändern, mein Leben, ohne ihn, ohne mich von ihm zu trennen. Ich begann ein Doppelleben. Wie so viele. Das glaubt mir immer keiner, wie viele! Ich fühlte mich nie einsam mit meiner Angst. So viele Freunde teilten sie mit mir.

Es belastet einen, kann einen belasten, dieses Doppelleben, das Nicht-miteinder-sprechen und das Gewissen, es nervt. Das Rumhuren nervt, die eigen Moral auch. Man fühlt sich nicht sauber, nicht wertvoll, dreckig, stellt sich in Frage. Und seinen Partner will man von alle dem fern halten. Statt ihn zu verletzen, zu beschmutzen, durch den sexuellen Kontakt zu Fremden, durch das Hure-sein, durch diese Wahrheit, für die er nichts kann. Desillusioniere ich ihn? Lass ich ihm die Illusion? Außerdem liebt man ihn ja. Den Fremden liebt man nur im Moment. Den Partner nur für einen Moment nicht. Diese unendliche Lust kann treiben und hält sich nicht einmal für schuldig. Weiß der Teufel woher sie rührt.

Dann hat es gereicht. Wir haben das besprochen, er und ich. Ich habe den Mund aufgemacht. Die offenen Bedürfnisse und die zu engen Rahmen der Monogamie gingen mir wie im Schlaf über die Lippen. Die Traurigkeit durch den anderen nicht mehr befriedigt zu sein, kam hinzu.

Nach dem Schweigen brachen wir mit der verdammten Konvention. Die ist nirgends verankert, angeschrieben auf tafeln aber in jedermans Moral abrufbereit. Man konnte sie sehen die Brüche, in unseren Gesichtern. Verständnis setzte ein. Der Beweis war das Lächeln. Denn es tauchte wieder auf. Verletztheit auch, immer wieder. Und die Erkenntnis setzte ein, dass Fremdgehen für uns nicht zu den Gründen zählt eine Beziehung beenden zu wollen. Das war wirklich befriedigend. Sex – das ist etwas banales, so kleines.

Die neue Wahrheit machte uns leichter, angespannter, reifer irgendwann. Wir lieben uns mehr als zuvor. Die Sexualität hat in Gänze nachgelassen. Vielleicht aus Angst sich anzustecken. Vielleicht weil keiner im Wettbewerb mit Fremden stehen will. Weil keiner Verlierer sein will. Gewonnen haben wir, seitdem wir uns ausgesprochen haben.

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